Der letzte Wille des Alfred Nobel
October 11, 2009 | 9:50 pmManchmal würde ich wirklich gerne wissen, was die da rauchen in Oslo. Gut, es wäre nicht das erste Mal, dass ein Friedensnobelpreis “ex ante”, also für ungelegte Eier vergeben wird … und es wurden auch schon ein halbes Dutzend dieser Medaillen an andere zweifelhafte Vertreter der US-Administration vergeben.
Der alte Schwede Nobel hatte testamentarisch verfügt, dass der Preis an denjenigen vergeben wird, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.
Na bitte - dann schauen wir doch einfach einmal, ob die vier Damen und der eine Herr, die das derzeitige Nobelpreis-Komittee in Oslo bilden, Alfred Nobel’s Testament wirklich beim Wort genommen haben, oder ob sie vielleicht ganz einfach dem unwiderstehlichen Charme und der brillianten Rhetorik des feschen Präsidenten erlegen sind …
“Verbrüderung der Völker”
Zweifellos ist das amerikanische Imperium ein Meister der internationalen Verbrüderung: 761 Übersee-Militärbasen (lt. DoD Basestructure Report 2008) in über 135 (von 192) Ländern der Erde zeigen, dass sich die Amerikaner wahrlich bis in die letzten Winkel des Planeten verbrüdert haben. Selbst Julius Caesar wäre hier vor Neid erblasst. Präsident Obama ist also der Oberbefehlshaber von 761 Militärbasen ausserhalb, sowie 4.564 innerhalb der USA. Keep that in mind.
“Abschaffung oder Verminderung stehender Heere” *
Abschaffung? Verminderung? Weit gefehlt …
Obama’s Budget 2010 sieht eine Erhöhung der “regulären” Militärausgaben um satte 4% vor. Das ist umso bemerkenswerter, als die Bush-Administration dieses Budget bereits in astronomische Dimensionen aufgeblasen hat. Nicht enthalten sind hier Ausgaben für die laufenden Kriege: 130 Mrd. Dollar für “war spending” 2010 (Bush 2009: 75,5 Mrd.), plus nocheinmal zusätzliche 205,5 Mrd. Dollar extra und aussertourlich, spezifisch für Irak und Afghanistan. Wenn man die budgetierten Kriegsausgaben mit dem abgelaufenen Budget-Jahr 2008/09 vergleicht, bekommt man glatt den Eindruck, dass hier ein Einmarsch in den Iran bereits budgetiert ist … (Obama hat übrigens einen nuklearen Erstschlag gegenüber dem Iran dezidiert nicht ausgeschlossen.). De facto frisst sich der industriell-militärische-Komplex auch unter Präsident Obama weiterhin komplett ungebremst wie ein bösartiger Tumor durch den amerikanischen Staatshaushalt.
“Förderung von Friedenskongressen”
Der letzte Punkt in Alfred Nobel’s Testament trifft auf Obama noch nicht zu. Nach nur 8 Monaten im Amt gilt hier noch die Unschuldsvermutung. Es sei denn, es zählt bereits, dass er seit einem halben Jahr ergebnislos versucht, die ewigen Israelis und Palästinenser überhaupt erst wieder an einen Tisch zu bringen. Aber die Geschichte der amerikanischen Nobelpreisträger zeigt ohnehin, dass es sich auszahlt, zuerst Krieg zu führen, und danach für die Friedensverhandlungen eine Medaille einzustreifen.
So passiert etwa 1973, als Nixon’s National Security Advisor und späterer Aussenminister Henry Kissinger für die Verhandlungen zur Beendigung des Vietnam-Kriegs ausgezeichnet wurde. Klingt ja durchaus ehrenhaft. Bloss haben Nixon und Kissinger den amerikanischen Kongress jahrelang belogen (ähnlich wie später Bush/Cheney 2001 betreffend der Irak-Invasion). Kissinger hatte komplett an den Abgeordneten vorbei von 1969-1973 Flächenbombardements über dem neutralen Kambodscha angeordnet, die 600.000 (!) Menschenleben gekostet haben, das Land ins Mittelalter zurückgeworfen und damit den Boden für den Aufstieg der verbrecherischen Khmer Rouge gelegt haben. Kissinger wurde bis zum heutigen Tage nicht als Kriegsverbrecher angeklagt, sondern geniesst allerhöchstes Ansehen.
Einer der wenigen, der den Preis offensichtlich ernst genommen hat, mir scheint, war der Vietnamese Lê_Ðức_Thọ. Er sollte 1973 gemeinsam mit Kissinger ausgezeichnet werden. Mit den Kommentar “in meinem Land herrscht noch nicht Frieden” hat er den Preis einfach abgelehnt.
Wird also Obama den Preis verdient haben?
Präsident Obama hat den Preis angenommen, und zwar mit den Worten “Ich habe ihn nicht verdient“.
Ich bin aber immer noch recht optimistisch, dass Obama den Preis letztendlich verdienen wird. Und zwar in gleicher Weise, wie ihn Michael Gorbatschow (1991) verdient hatte: der hat nämlich wirklich sein stehendes Heer tatsächlich “vermindert”, das zerfallende sowjetische Imperium aufgelöst und damit den kalten Krieg beendet. Gorbatschow ist zweifellos jener Nobelpreisträger, der Alfred Nobel’s testamentarischen Wunsch am wirkungsvollsten erfüllt hat.
Obama ist - aller Rhetorik zum Trotz - noch Lichtjahre entfernt von Glasnost und Perestrojka. Aber er hat dennoch die historische Chance, es Gorbatschow demnächst gleichzutun. Die Amerikaner haben den kalten Krieg nicht gewonnen. Sie werden ihn nur später verlieren. Sie werden bloss später … pleite gehen.
In diesem Sinne gebührt der Friedensnobelpreis 2009 möglicherweise dem zukünftigen Masseverwalter des imperium americanum.
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* PS: Nobel’s Formulierung bezüglich der “stehenden Heere” klingt heutzutage etwas anachronistisch - trifft den Nagel aber auf den Kopf. Die aufstrebende römische Republik war sich dieser Problematik schon bewusst: ein halbes Jahrtausend lang war es römischen Heerführern verboten, mit einem stehenden Legion nach Rom zurückzukehren. Ein obskurer Bach in Norditalien markierte die Grenze, an der jede heimkehrende Legion spätestens aufgelöst werden musste. Bis 49 vor Christus, als ein brillianter und ehrgeiziger Heerführer namens Gaius Julius Caesar auf seinem Rückweg von der Eroberung Galliens eben diesen Rubicon überschritt, und damit einen Bürgerkrieg lostrat, der letztlich Rom von einer aufstrebenden, demokratischen Republik innerhalb von wenigen Jahren in ein dekadentes, kaiserliches Imperium transformierte. Ein Imperium, das - wie alle Imperien - letztlich schlicht und einfach pleite ging.






Hört, hört... Dacht schon, Du hättest das Schreiben aufgegeben ;-)
Joerg | October 12, 2009 | 2:20 pmHört, hört… Dacht schon, Du hättest das Schreiben aufgegeben ;-)