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In god we tru$t?

November 24, 2008 | 8:36 am

Wir befinden uns im Jahr 2008 n.Chr. und die Weltfinanz-cum-Wirtschaftskrise führt uns täglich vor Augen, wie eng die Begriffe Kredit und Vertrauen miteinander verknüpft sind. Die unendliche Komplexheit unseres Sprachschatzes verführt ja dazu, dass wir ob der Vielfalt von Wörtern und Begriffen oft die grundlegendsten Zusammenhänge vergessen - wie eben jene zwischen Kredit und Vertrauen. Die Altphilologen haben da gemeinhin ein höheres Bewusstsein für diese Bedeutungszusammenhänge, und prompt sagt uns der Lateiner: creditum, „das auf Treu und Glauben Anvertraute“ …

Also machen wir doch einen kleinen Versuch: sagen wir mal, Kredit und Vertrauen wären der Einfachkeit halber ein und dasselbe. Folglich befänden wir uns also mitten in einer “Weltvertrauenskrise“. Mit diesem Begriff im Hinterkopf erlauben wir uns nun einen simplistischen Blick in die Weltfinanzmärkte, als mitten hinein in das Blutbad, und stellen fest: niemand vertraut niemandem. Nicht enden wollendes Misstrauen am ganzen Finanzmarkt. Am ganzen Finanzmarkt?

Nein, ein von unbeugsamen Bankiers bevölkertes Imperium hört nicht auf, dem Misstrauen Widerstand zu leisten.

Wer hat noch etwas Vertrauen übrig?

Während - grob gesprochen - so ziemlich alles Papier und anderweitig Verbrieftes samt deren (roh-)stofflichen Grundlagen in einer deflationären Spirale nun schon seit Monaten in Richtung Süden fällt, fliesst das letzte Vertrauen, das noch auszumachen ist, offensichtlich in folgende, miteinander verknüpfte Spielfelder: 

1. Den US-Dollar
2. Die amerikanischen Staatsschuldverschreibungen
3. Das amerikanische Budgetdefizit

Das amerikanische Budgetdefizit geht im Zuge der geballten sogenannten “Hilfsmassnahmen” vom Stadium “astronomisch” in eine - sagen wir - “galaktische Phase”, und wird nur mehr von der (kurzfristigen) Bilanz des Federal Reserve Systems in den Schatten gestellt. Der Dollar aber befindet sich so ziemlich gegenüber allem (ausser dem japanischen Yen) auf einem manischen Höhenflug, und die Government Bonds gehen weg wie die warmen Semmeln, und zwar in einem Ausmaß, dass zum Beispiel der Zinsertrag der 3-Monats-Ausgabe (3-month T-Bill) inzwischen schon bei üppigen 0,02% liegt, wogegen den “privaten” Anleihen-Schrott, der nun schon über 20% abwerfen würde, weiterhin niemand anrührt. Das beschäftigt mittlerweile auch schon den frischgebackenen Ökonomie-Weltmeister Paul Krugman, der ja ansonsten eher der Gruppe der spendierfreudigen Neo-Keynesianer zuzurechnen ist, und verleitet ihn in seiner New York Times-Kolumne zu einer ebenso präzisen wir lapidaren Aussage: “This is an economic emergency.” 

The biggest gamble of all …

Ich vermute es gilt immer noch die alte Investor-Regel von der “Flucht in die Sicherheit” - sprich wenn gar nichts mehr geht, dann kaufen wir das letzte, einzig “sichere” Papier von allen - die amerikanische Staatsschuld? Oder kaufen die Chinesen & Compagnie T-Bills und Dollar-Devisen schon “at gunpoint”? (Richtige Zyniker meinen ja, dass das einzige, was den Dollar als internationale Leitwährung stützt, ein Atomwaffenarsenal ist …)

Ein Grossteil der T-Bill-Abonennten und Devisen-Tauscher scheint tatsächlich in Asien beheimatet zu sein. Die Asiaten sind ja streng genommen nicht besonders christlich, doch das “Gottvertrauen”, dass sie nun (immer noch) an den Tag legen, ist schon durchaus beängstigend. Wer sollte denn eigentlich noch auf Gott vertrauen ausser den amerikanischen Notenbankiers, die den Stehsatz “In God we trust” täglich auf frische Dollarnoten drucken? Ist das schon der letzte Strohhalm, an den sich die internationalen Investoren klammern? Ist das nicht … eine Illusion?

Ich glaube, selbst der neu erwählte Heilsbringer der angeschlagenen Supermacht, Herr Obama, hat schon seine Zweifel ob das noch lange gutgehen kann: in einem genialen Schachzug hat er den Chef der New Yorker Fed zu seinem Finanzminister designiert. Timothy Geithner ist umsatzmässig quasi nicht nur der grösste Staatsschuldenhändler, sondern in seinem Lebenslauf stehen noch ganz andere Qualitäten: er hat an führender Position, und als Vertreter der Gläubiger, die Staatskrisen und Staatsbankrotte der jüngeren Geschichte abgewickelt: jene von Brasilien, Indonesien, Mexico, Südkorea und Thailand. Er ist also ein ausgewiesener Staats-”Bailout”-Experte. Das könnte - gemeinsam mit seinen Sprachkenntnissen in Japanisch und Chinesisch - dann durchaus von Vorteil sein. Wenn er nämlich erste Reihe fussfrei die Schuldner-Seite solcher Verhandlungen kennen lernen wird.

Aber so weit sind wir freilich noch nicht. Doch es wird weiter fieberhaft und mit global vereinten Kräften am Staatsbankrott der Vereinigten Staaten gearbeitet. Denn wohin sollte ein “mehr vom selben”, also mehr Schulden inmitten einer Vertrauens- und Schuldenkrise sonst führen? Das frische Geld ist leider kein Zaubertrank, sondern schwer toxisch beim Zustand des amerikanischen Patienten. Und wenn es dann so sein wird, dann möge keiner den ersten Stein werfen und vom Ende des Kapitalismus reden. Denn ein Staatsbankrott des grössten Schuldners der Welt wäre ein starkes Zeichen dafür, dass der Kapitalismus doch noch funktioniert. Aber eigentlich leben wir ja in einem durch und durch merkantilistischen System mit Nuklearwaffen … es bleibt also spannend, der Ausgang ist ungewiss, und die Einsätze am Spieltisch sind alarmierend.

Fest steht in dieser Situation nur eines: Den Zaubertrank, den gibt es leider nur in einem kleinen gallischen Dorf …

 

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Deutsch, Globales, Ökonomie
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Bonds, Dollar, Finanzkrise, Kredit, Obama, Staatsschuldverschreibungen, T-Bill, Timothy Geithner, USA, Vertrauen, Weltwirtschaftskrise
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Die Staatsschuldenuhr

October 10, 2008 | 8:44 am

Ist das schön. Die Amerikaner überraschen mich doch immer wieder in jederlei Hinsicht.

CNN, zur Abwechslung einmal in aller Trockenheit: “U.S. debt overpowers National Debt Clock“.

Seymour Durst, ein mittlerweile verstorbener New Yorker Immobilien Developer, hatte diese Uhr 1989 installieren lassen, als die US Staatsschulden ca. 2,7 Billionen Dollar betrugen.

Nun gingen der Schuldenuhr die Ziffern aus: Seit Verabschiedung des Paulson-Plans ist die Staatsverschuldung auf über 10 Billionen Dollar angewachsen und das Dollar-Zeichen vor der Summe musste der zusätzlich benötigten Dezimalstelle weichen.

Zuvor hatte er in den Achtziger Jahren Glückwunschkarten an Kongressabgeordnete und Senatoren verschickt, auf denen “Happy New Year - Ihr persönlicher Anteil an der Staatsschuld beträgt so und so viel …” zu lesen war.

Hurst starb 1995, die Ära Dublya Bush/Greenspan und Bush/Paulson/Bernanke ist ihm also er”spart” geblieben, seinen nationalen Schuldenanteil trägt nun sein Sohn und Nachfolger. Dieser kann sich durchaus in Sicherheit wiegen, dass auch dereinst Enkel und Urenkel nicht leer ausgehen werden.

Vieles, wenn nicht das meiste, was in den Medien dieser Tage zur weltweiten Finanzkrise zu lesen ist, kann ich ja kaum zu  ertragen - alle spielen sie das grosse “Blame Game”: Gierige Investmentbanker, Banken und Finanzsektor überhaupt treiben uns in den Ruin … Regierungen und Nationalbanken nun die grossen Retter in der Not. Bye bye Marktwirtschaft. 

Und kaum jemand scheint zu verstehen, dass dieser ganze aufgeblähte Finanzsektor in den letzten 60 Jahren ja in erster Linie zum Erfüllungsgehilfen einer noch aufgeblähteren Staatsmaschinerie geworden ist, die auf Biegen und Brechen ALLES unternimmt um das Funktionieren von Märkten zu verhindern! Wenn Banken Jahrzente lang nicht in Konkurs gehen DÜRFEN, und statt dessen immer stärker an die Muttermilch der Zentralbanken genommen werden, ohne die sie nicht lebensfähig sind, und weiter fleissig Staatsschulden und frisches Geld in die Welt bringen, ohne die wiederum die Regierungen nicht überlebensfähig sind, dann ist diese ganze Branche dazu verdammt so gross und so marod zu werden, dass am Ende dieses Kapitels auch der Staat nicht mehr den Einsturz des Gebäudes verhindern kann.

Das sind monströse Metastasen im Endstadium, die sich in einem “freien Markt”, wo laufend bereinigt und aussortiert wird, nie hätten bilden können. Ich bin zuversichtlich, dass sich der Markt auch diesmal durchsetzt - aber je länger man das verhindert, desto grösser der Knall.

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Bush, Finanzkrise, freier Markt, Greenspan, Marktwirtschaft, National Debt Clock, New York, Paulson, Staatsschulden, Times Square
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Freitag, der Neunzehnte

September 23, 2008 | 1:09 pm

19. September 2008, ©derstandard.at

Man erinnert sich noch an die grossartige Dramatik in James Cameron’s opus magnum, als die RMS Titanic dem Untergang geweiht war, der Schiffsbauer bereits die Aussichtslosigkeit der Situation erkannt hat, während im Ballroom noch unbeschwert gefeiert wurde?

Out of thin air
Am 19. September 2008 haben die Herren Busch, Paulson und Bernanke mit der “US Federal Reserve”,  eine (weitere) Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs gerammt. “Die Party geht weiter”, sagt der Captain, und so werden wir wohl noch ein paar Monate weiterfeiern dürfen, wenn auch unter gelegentlichen Hiobsbotschaften, einem rasanten Griff in die Trickkiste und darauffolgenden Kursfeuerwerken. Doch der Tag muss kommen, an dem die Trickkiste nur mehr hergibt, woraus sie gemacht ist: dünne Luft.

Wenn die “Sozialisierung” (a.k.a. Bailout) von nicht abschätzbaren (und offensichtlich nachhaltigen) Wertverlusten und das gleichzeitige Verbot von Leerverkäufen nicht zu einem Kursfeuerwerk führen, na was dann … tja … aber was dann? Was, wenn das Feuerwerk verpufft ist? Dann hat die Party ein wenig länger gedauert, und der “Hang-over” wird umso schmerzlicher und länger andauern. Hello Mother of all depressions.

Der Anfang vom Ende des US-Dollar?
Bankensysteme können durchaus kollabieren und sich neu erfinden (Japan), Staaten können in Konkurs gehen (Argentinien), und Währungen können verschwinden. Ist uns bewusst, dass es in der neueren Geschichte 3.800 Papier-Währungen gab, die es … nicht mehr gibt? Kann eine internationale “Leitwährung” zusammenbrechen? Natürlich!

Ich bin ja nicht unbedingt ein Pessimist, mit Sicherheit kein Verschwörungstheoretiker, und zudem höchstselbst ein begnadeter Meister der Verdrängung, und finde mit Leichtigkeit Argumente zur Aufrechterhaltung eines status-quo. Ich hätte also durchaus eine Zukunft in der Politik ;)

Aber irgendetwas lässt mich diesmal nicht kalt. Ich suche verzweifelt … 
Als ich vor 20 Jahren begonnen hatte, Wirtschaftswissenschaften zu studieren lagen die Rufe des inzwischen legendären Club of Rome noch immer in der Luft. Intellektuell nachvollziehbar, ökonomisch wegargumentierbar. Schön und gut … und verdrängt. Zwei Jahrzehnte lang gelang es mir bestens, diese Mischung aus intellektuellem Verstehen von Zusammenhängen und praktischem Verdrängen aufrechtzuerhalten.  

Cassandra lässt grüssen
Hier ein wunderbares Beispiel einer aktuellen Cassandra - ein “Crash” Course in 20 Lektionen, perfekt inszeniert von einem Amerikaner namens Chris Martenson - wissenschaftlich ausgebildet, talentierter Pädagoge, erfahrener “Corporate Finance”-Karrierist. (”Ex” … bis zur Midlife-Crises, sozusagen). Selbst wenn man keinen Statistiken traut, die man nicht selbst gefälscht hat … ökonomische Analysen über 300-Jahre-Zeiträume sind einfach geil. Faszinierend und schockierend.

Take a look, and tell me where he’s wrong:
Chris Martenson’s Crash Course zu Geldwirtschaft/Energie/Umwelt

My guess: he isn’t. What am I missing?

Man kann gut und gerne einen langen Abend verbringen mit diesem Crash Course. Die Zeit ist gut investiert. Zweifel garantiert. Woran auch immer. Viel Vergnügen!

ps: derstandard.at möge mir die Urheberrechtsverletzung mit dem Titelbild verzeihen … - ich habe der Redaktion ja erst unlängst eine “Ansichtssache” geschenkt. Aber dieser “Top Story”-Cocktail vom 19.11.2008 gehört einfach festgehalten. In all seiner Perversion. Let’s keep the party rolling.

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Analyse, Energie, Finanzkrise, Krise, Wirtschaft
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